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Jim’s Big Ego – After The Tornado

Öffentliche Umfrage zu Zwang – Hier meine Antwort:

http://www.ethikrat.org/arbeitsprogramm/oeffentliche-befragung

Ich finde die Fragen zwar schon falsch gestellt.
Es gibt keinen „wohltätigen Zwang“.

Aber kritische Stimmen können nicht schaden.
http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/anhoerung-23-02-2017-simultanmitschrift.pdf

Es gibt keinen „wohltätigen Zwang“. Zwang und Gewalt sind immer das letzte Mittel der Unfähigen. Ich halte von der Compliancelogik nicht viel, denkt man sie aber zu Ende so widerspricht Zwang ihr total. Zwang fördert die Ablehnung des Patienten zur Therapie und verlängert viele Therapien unnötig um Jahre, retraumatisiert und ist oft einfach nur rohe Gewalt.

http://linocasu.org/up/Warum%20%C3%BCberhaupt%20Zwang%20in%20der%20Psychiatrie.pdf

Warum überhaupt Zwang in der Psychiatrie? Gibt es überhaupt Vorteile dadurch?

In unserem Schulsystem wurde die Züchtigung am 1. April 1969 aus dem deutschen Schulsystem verbannt, da sie die seelische Gesundheit schädigt. Nicht nur von Betroffenen wird der Zwang in der Psychiatrie oft als Folter angesehen.
Selbst der UN-Sonderberichterstatter Juan Ernesto Mendez hat 2014 dies als Folter deklariert. In den 60ern entwickelte sich die Erziehungswissenschaften nicht nur durch Piaget und Frenet etc. weiter.
Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels, mit den Forderungen einer humaneren Gesellschaft veränderte sich die Sicht auf unser Schul- und Bildungssystem radikal.
Der Mensch steht im Vordergrund. Ansichten, dass Gewalt eher negative Ergebnisse erzielt, wie mehr Depressionen, mehr Traumata, eher mehr renitentes Verhalten fördern, etc., sind nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen.
Die Frage, ob ein Normativ gleich mit Norm gleichzusetzen sei und das Pressen in eben jene Schublade des Normatives förderlich sei verliert nur meiner Meinung in der heutigen Zeit, in der so viel über das wahre Normativ gestritten wird, an Fokus, da vergessen wird, welche förderlichen Effekte die Zeit der 60er bis heute hatte. Meiner Meinung friert das Pressen in ein nicht passendes Korsett eines unverstandenen und möglicherweise unnötigen und freien Lebens hinderlichen
Normatives den Geist und die Seele in Schranken, fern von Kreativität und fortschrittlichen Ideen.
Zwang in der Edukation gilt schon lange als überholt und kontraproduktiv. Warum sollen dann gerade sensible mit psychiatrischen diagnostizierte Menschen Zwang erfahren?
Viele Betroffene und da schließe ich mich selber ein, empfinden die Psychiatrisierung gerade deshalb als Leidensweg, weil der Zwang in der Psychiatrie als psychische und körperliche Gewalt erfahren wird.

Warum dann überhaupt Zwang in der Psychiatrie?
Es gibt keinen Grund dafür.

Die Erfahrungen in Heidenheim haben gezeigt, das ohne Zwang bessere Heilungserfolge erzielt werden. Desweitern sprechen viele Gründe dagegen, auf die ich versuchen werde einzugehen.

Nehmen wir z.B. die Medikation.
Laut Felix Hasler, einem Schweizer Neurologen, der über 25 Jahre die Wirkung von Neuroleptika erforscht hat, gibt es bis heute keine eindeutigen Nachweise, dass Neuroleptika überhaupt helfen. (Neuromythologie, Felix Hasler, ISBN 978-3-8376-1580-7).
Das liege alleine daran, dass bei Probanden für alleine die selbe Verarbeitung nicht immer eindeutig die selbe Hirnregion ausgemacht werden kann. Alles was über motorische Fähigkeiten hinausgeht ist nicht reproduzierbar. Für das Bewusstsein gäbe es bis heute keine statistisch relevanten Fakten und damit keine evidenten Theorieansätze bis heute, auf die sich komischerweise die biologistische Psychiatrie vehement beruft.
Weiter hat die neuseeländische Neurologin Joanna Moncrieff Forschung bezüglich der Streuung der Substanzen im Hirn betrieben und kommt zum Schluss, das mehr unerwünschte Effekte, als erwünschte herbeigeführt werden.
Dies geht, was Nebenwirkungen angeht, bis zum Tod. Viele sind dem Irrglauben verfallen, dass moderne Neuroleptika harmloser seien. Selbst durch Neuroleptika wie Leponex/Clozapin und Xeplion/Paliperidon besteht Lebensgefahr.
Ein Rückgang bei Clozapin von 10-16% auf 5% sind immer noch zu viel. Bei Xeplion wurde bei einer Studie in Japan kurz vor Markteinführung in Europa der Tod aufgrund von Ersticken im Schlaf bei 17 von 100 Patienten festgestellt. Zudem weisen mehrere Studien auf den Rückgang der Hirnmasse vor allem des Frontallappens und der Hirnrinde hin.

Volkmar Aderhold, wie auch der Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen fordert deshalb eine Todesstatistik psychiatriesierter Menschen. Laut den Daten die Aderhold vorlagen verdoppelt sich die Sterberate bei Einnahme eines Neuroleptikums. Bei Nichteinnahme eines Neuroleptikums liegtdie relative Sterberate bei bei dem Faktor 1,29. Bei der Einnahme von einem Neuroleptikum steigt die relative Sterberate schon auf den Faktor 2,95. Bei drei Neuroleptika steigt die relative Sterberate schon auf den Faktor 6,83. Die Suizide sind dabei schon herausgerechnet.
Da aber die Krankenkassen eine detaillierte Auswertung ihrer Daten verweigert, liegt sie vermutlich weit höher.
Desweiteren sind die Langzeitfolgen bis heute kaum statistisch erfasst.
Im Volksmund ist zwar scheinbar viel über „schreckliche“ Nebenwirkungen und die Gefahren bekannt.
Dyskenesien, Stoffwechselstörungen und Gewichtsveränderungen sind oftmals, zumindest bei den Patienten und Psychiatern bekannt. Auch Gefahren wie eines auftretenden Diabetes als Beispiel sind bei erfahrenen Psychiatern bekannt. Von Nieren-, Herz-, und weiteren Organschäden wird aber meist hinweggesehen.
Über tödliche Effekte, wie Schlag- und Herzanfälle oder Ersticken im Schlaf und möglichen Organversagen wollten aber meine 5 Psychiater in meiner 12 jährigen „Psychiatriekariere“ nie darüber reden geschweige denn aufklären.
Es ist schon verwunderlich, dass Betroffene so oft zu Schein- und wahren Experten werden (müssen?).
Durch die Verunsicherung und Druck durch Zwang begeben sich viele Betroffene und Angehörige oft auf eine Sinnsuche. In erster Linie bleiben die Betroffenen ihre besten Berater und wahren Experten.
In dem Sumpf aber an vermeintlichen Gründen und Ursachen und Lösungsansätze sollten sich Betroffene hüten, sich zu sehr von Scheinexperten beraten zu lassen und selber zu Scheinexperten zu werden.
Da aber in der Realität der Zwangsmaßnahme der oder die Betroffene und Angehörige sich oft aus dem Gefühl der Ohnmacht an jeden Strohhalm heftet, der hingereicht wird entsteht oft ein endlos langer Leidensweg gerade durch die Unaufgeklärtheit. Den aufgeklärten Patienten kann man nicht voraussetzen, genauso wie ich als Betroffener mit 23 Klinikaufenthalten und angefangenem Lehramtsstudium mit ein paar Psychologievorlesungen und vielen gelesenen Bücher und einem „Internet-Wissen“ nie behaupten würde alles zu wissen.
Nur verhält sich besonders oft das Umfeld besonders zu Anfang, als wüsste es alles, genauso wie lange Psychiatrieerfahrene anderen Psychiatrieerfahrenen gegenüber.
Dasselbe gilt für Profis.
Nur ein aufgeklärter Patient ist all dem auch gewachsen.
Denn er oder sie ist immer der wahre Profi. Da es immer um ihn oder sie selber geht und er oder sie der Betroffene ist.
Kaum ein Psychiater klärt von sich aus den Patienten überhaupt über all die Risiken der Medikamente und vieler Therapien auf.
Es wird meist nur eine Psychodedukation, wenn überhaupt (in nicht jeder Station und Klinik ist das Standard wie im Haus 9 in Gießen), mit Ansätzen von Empowerment und Recovery angeboten. Eine Aufklärung über die Risiken der Medikamente wird von der Klinik oder Psychiater von sich aus fast immer nicht betrieben und aber oft vom Umfeld und Patienten auch einfach verklärt.
Für die Betroffenen auch oft ein wichtiges Thema ist Stigmatisierung.
Die Debatte der Stigmatisierung ist innerhalb der Betroffenenverbände in den vergangenen Jahren auch im Zuge des Mollathprozesses wieder aufgeflammt. In den Köpfen der „Profis“ und Politiker werden sie aber anders wahrgenommen. Dies sieht man am Teilhabegesetz und an den Forderungen der DGPPN und der Diskrepanz der Betroffenenverbände bei der Erneuerung der PsychKGs in den einzelnen Ländern nach dem Bundesverfassungsurteil zur Zwangsmedikation von 2011.
In der letzten Anhörung im Landtag in NRW wurde sogar glatt gelogen.

Der neue Gesetzentwurf beinhaltet eine genaue Staffelung der Zwangsmaßnahmen mit z.B. Festhalten soll vor Fixierung angewandt werden und der Forderung den möglichst geringsten Zwang
anzuwenden.
Was aus Sicht der Betroffenen meist als Fortschritt, aber immer noch nicht die Optimal Lösung, nämlich gar kein Zwang, angesehen wird. Aus der Reihe der Profis wurde geäußert, dass es keinerlei Erfahrungen und Evidenz gebe, dass dies überhaupt umsetzbar oder besser für den Patienten sei. Dabei wird dies in England schon länger mit Erfolg praktiziert.

Klar bedeutet dies mehr Aufwand vom Personal, aber dass es keine Erfahrungen dazu gäbe ist eine glatte Lüge.

Solche Falschaussagen verhärten die Fronten zwischen Profis und Betroffenen und führen nicht nur in esoterischen Kreisen zu den abstrusesten Verschwörungstheorien.
Während das sog. Gute Bürgertum sich selber auf die Schultern klopfend von Stigmatisierung frei redet, geht, dass was ich als das Mollathgefolge benenne, mit immer weiter rechts außen Allianzen ein.
Nicht alles ist mit Stigmatisierung entschuldbar, aber bei nicht entschuldbare Stigmatisierung von Betroffenen, sie selber auch noch aufzufordern sich in die Opferrolle zu begeben bezüglich des Ursprung der Krankheit und sich alleine als Grund zu sehen, finde ich genauso frevelhaft.

Nicht zu jedem Preis muss der oder die Ausgestoßene bzw. stigmatisierte Andere sich reintegrieren wollen müssen.
Gerade bei dem was UN-Folterbeauftragter Mendez als Folter bezeichnet, besteht auch ein Recht auf zumindest inneren Widerstand.

Deshalb lehne ich persönlich jeglichen, besonders körperlichen Zwang, auch und gerade „medikamentösen“, ab.

Alleine die Erfahrungen der Heidenheimer Psychiatrie haben gezeigt:

Ohne Zwang geht es auch und sogar besser.

Ebenfalls kritisiere ich am Gesetzentwurf die Strukturierung der Aufenthaltsprüfung.

Matthias Seibt brachte während der letzten Anhörung im Landtag in NRW, als Sprecher des Landesverbandes der Psychiatrieerfahrenen, den Vorschlag eines Paragraphen §14a ein.
Eine Zeitnahe, ohne Medikamenteneinfluss und Fixierung stattfindende, mindestens halbstündige Befragung durch den zu entscheidenden Richter des Betroffenen, in möglichst unbeeinflusstem Zustand.

Es darf nicht alleine auf die Urteilskraft des Arztes, Betreuers oder Angehörigen alleine sich verlassen werden.

Der Betroffene sollte auch ein Recht haben sich zu äußern und zwar nicht nur, wie in Hessen schriftlich innerhalb von 2 Wochen Widerspruch einlegen, was viele beim Erstaufenthalt gar nicht wissen, oder über einen Rechtsbeistand. Der Richter sollte sich selber ein Bild des Betroffenen machen müssen.

Auf der einen Seite wollen die „Profis“ aus der rechtlichen Verantwortung heraus und die Betroffenen ihre Rechte einklagbar haben. Aber schon in der Anhörung wurden sofort Stimmen laut über die Nicht-Umsetzbarkeit einer solchen zeitnahen Befragung durch den verantwortlichen Richter.

In meinen Augen sollte der Betroffene zeitnah, nicht innerhalb von 2 Wochen oder mehr, sondern innerhalb von 3 Tagen IMMER befragt werden vom Richter.

Nicht nur, dass so viele Betroffene frühzeitiger entlassen werden könnten und die Kliniken auch eher entlastet werden, auch im Sinne der Betroffenen und für mehr Rechtsicherheit.

(Lino Casu, 21.09.2016)

Meine persöhnlichen Erfahrungen als halbautobiographischer Text mit der Psychiatrie mit veränderten Namen:

http://linocasu.org/cms/lammfromm/

Egal was man von der Logik der Compliance hällt (Ich lehne sie ab auch für mehr Selbstverantwortung [jeder hat ein Recht auf einen eigenen freien und natürlichen Willen laut UN-Behindertenkonvention auch Menschen mit geistiger beziehungungsweise sozialer Behinderung ]) …

Doch wäre man für Compliance widerspreche sich das Prinzip von Zwang in sich.
Denn es fördert die Ablehnung, Traumatas, usw. und verlängert die meisten Therapien um Jahre.

Auch weil Juan Mendez (UN-Folterbeauftragter) Zwang in der Psychiatrie als Folter deklarierte und weil ich nach einer an mir begangenen Vergewaltigung ein zweites mal Vergewaltigt wurde durch Fixierung, Zwangsmedikation und Isolationsfolter lehne ich jeglichen Zwang ab.

Ich habe eine schwangere Frau in Isolationsfolter gesehen, in der selben Zelle in der ich mit dem zerschlagenen Nachttopf aus Verzweiflung über meine Situation mir die Pulsadern versuchte aufzuschneiden. Der Grund für die Isolationsfolter war eine unerlaubt gerauchte Nikotinzigarette.

Schon heute gibt es genug Beispiele von Machtmissbrauch, ganz abgesehen von der therapieschädigenden Wirkung der traumatischen Erlebnisse durch Zwang in der Psychiatrie.

Seit der Aktion-T4 und den Entwicklungen in den 50er Jahren hat Medikamentös die Psychiatrie in vielen Bereichen an alten Mustern festgehalten.

In den 80-90er Jahre gab es die Psychiatrieenquete und es formte sich Widerstand.

http://linocasu.org/cms/2016/12/ohne-zwang-geht-es-auch/

Den gab es zwar auch früher, z.B. Georg Büchner https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hessische_Landbote in der selben Psychiatrie in Riedstadt/Godelau eingewiesen in der ich bis zum Jahr 2016 Zwang erlebt habe.

Ich selber habe auch Zwang (3 Wochen Fixierung) in Frascati bei Rom 2005 erlebt. Das verbreitete Gerücht Basaglia habe den Zwang in Italien abgeschaft stimmt nicht…
so schön es auch wäre.

Auf der selben Station war ein Giovanni Mastrogiovanni. Er war Demenzkrank und wurde wie viele Demenzkranke laut und unbequem. Deshalb kam er in die Psychiatrie und starb aufgrund der Folgen der Fixierung.

Zufällig hatten Verwandte eine Kamera versteckt:

Aufgrund von weiteren Misständen wurde die Station in Frascati (hört sich schon an wie ein schlechter Weiswein) geschlossen und nicht wie viele denken durch Basaglia.

Das sollte man mit vielen Stationen in Deutschland auch machen.

Hier noch ein Text von Bernd Seiffert der Nachts mit dem Fahrad auf einer einsamen Strasse mit Fahrerflucht totgefahren worden ist zu den Verbrechen der Psychiatrie:

http://linocasu.org/cms/2017/03/die-verbrechen-der-psychiatrie/

Und wegen all dem sage ich NEIN zu jeglichem Zwang.

No Title

No Description

Lino Casu (http://linocasu.org)

NIE MEHR FOLTER UND ZWANG IN DER PSYCHIATRIE !!!

Gesellschaft hält psychisch Kranke für gefährlicher als sie sind

Quelle

Für wie gefährlich hält die Bevölkerung Menschen mit psychischen Erkrankungen? Wissenschaftler der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel haben untersucht, welche Faktoren die soziale Stigmatisierung beeinflussen. Die Fachzeitschrift «Scientific Reports» hat die Resultate veröffentlicht.

Menschen mit psychischen Krankheiten leiden unter starker sozialer Stigmatisierung. Zusätzlich zu den eigentlichen Krankheitssymptomen führt eine Diskriminierung durch die Gesellschaft zu weiteren Leiden wie Angst, Stress und niedrigem Selbstwertgefühl bei den Betroffenen. Um der Stigmatisierung zu entgehen, meiden Menschen mit psychischen Leiden häufig eine notwendige Therapie.

Das Phänomen der Stigmatisierung von psychisch Erkrankten kennt viele Facetten. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Tatsache, dass die Betroffenen oft als gefährlicher wahrgenommen werden, als sie eigentlich sind. Zwar kann eine kleine Zahl an psychischen Erkrankungen zu einem relativ erhöhten Gewaltrisiko führen, die meisten Menschen mit psychischen Störungen sind aber nicht gewalttätig.

Stigma der psychischen Krankheit

Psychiater und Psychologen der Universität Basel und der UPK Basel beschäftigen sich mit der Frage, für wie gefährlich die Bevölkerung psychisch Erkrankte hält und welche Faktoren diese Einschätzung beeinflussen. «Wir wollen verstehen, ob eher das Wahrnehmen von Symptomen oder die Information, dass jemand in psychiatrischer Behandlung war, stigmatisierend wirkt», so Prof. Christian Huber.

Dazu befragten sie 10‘000 Personen im Kanton Basel-Stadt. Anhand unterschiedlicher fiktiver Fallgeschichten mussten die Probanden einschätzen, für wie gefährlich sie die Person hielten. Die Hälfte der Fälle schilderten Symptome verschiedener psychischer Krankheiten (Alkoholabhängigkeit, Psychose, Borderline-Persönlichkeitsstörung). Die andere berichtete über den Ort der psychiatrischen Behandlung (Allgemeinkrankenhaus, Psychiatrie, Psychiatrie mit forensischer Klinik).

Psychiatrische Symptome besonders bedrohlich

Bei Fallbeispielen, die nur den Ort der Behandlung beschrieben und bei Fallbeispielen mit einer Beschreibung von Symptomen und Verhaltensauffälligkeiten wurden die Patienten generell als gefährlich eingeschätzt. Eine Schilderung von Symptomen führte dabei zu stärkerer Zuschreibung von Gefährlichkeit, besonders bedrohlich wahrgenommen wurden Menschen mit Symptomen einer Alkoholabhängigkeit.

Vorurteile bekämpfen

Ein wichtiges Ergebnis der Studie besteht darin, dass die Art und Weise, wie die Psychiatrie Patienten behandelt, die Vorurteile beeinflusst, unter denen sie zu leiden haben. Eine Behandlung in einer psychiatrischen Abteilung in einem Allgemeinkrankenhaus war mit einer geringeren Gefährlichkeitszuschreibung verbunden als die in einer spezialisierten psychiatrischen Klinik. Ausserdem zeigte sich, dass Menschen, die in der Vergangenheit persönlichen Kontakt mit der Psychiatrie oder psychisch Erkrankten hatten, das Gefahrenpotenzial generell geringer einschätzten.

Um Vorurteile abzubauen, so die Autoren, sollte der Kontakt zwischen Allgemeinbevölkerung und psychisch kranken Menschen gefördert werden. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kampagnen zur Entstigmatisierung die Bevölkerung realistisch über das geringe Gefahrenpotenzial von Menschen mit psychischen Erkrankungen aufklären sollten». Des Weiteren könnte eine Verlagerung der stationär-psychiatrischen Behandlung aus eigenständigen Kliniken in Allgemeinkrankenhäuser die Entstigmatisierung fördern und die Ausgrenzung von Betroffenen verringern.

Diesen Weg beschreiten die UPK in Basel: «Wir haben die psychiatrische Kriseninterventionsstation ausgebaut, welche sich im Universitätsspital Basel befindet, sowie eine Akutambulanz im Stadtzentrum geschaffen, die einen niedrigschwelligen Kontakt mit der Psychiatrie ohne Voranmeldung ermöglicht», so Prof. Undine Lang, Koautorin der Studie und Direktorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der UPK Basel.

Originalbeitrag

Julia F. Sowislo, Franca Gonet-Wirz, Stefan Borgwardt, Undine E. Lang, and Christian G. Huber
Perceived Dangerousness as Related to Psychiatric Symptoms and Psychiatric Service Use – a Vignette Based Representative Population Survey
Scientific Reports (2017), doi: 10.1038/srep45716